Oktober 20, 2020

Menschenrecht: Schwuler Fussballer.

Andreas Mösli, Geschäftsführer beim FC Winterthur schreibt im Kulturmagazins Coucou:

Seit dem Bekenntnis des früheren deutschen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger (31) ist die Welt um ein Rätsel ärmer und eine Wahnsinnserkenntnis reicher: Es gibt schwule Spitzenfussballer!

Eigentlich ist es peinlich für eine Gesellschaft, die sich modern und fortschrittlich gibt, dass ein solches Thema überhaupt noch ein Thema ist. Aber weil es halt leider eines ist, ist die Aussage eines erfolgreichen und prominenten Vorbilds umso wichtiger.

„Es ist beschämend, dass Mut dazu gehört, unsmitzuteilen, was uns eigentlich nichts angeht“, kommentierte eine TV-Journalistin – und sie hat absolut recht. Die sexuelle Präferenz ist Privatsache. Homosexualität hat keinen negativen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit oder den Charakter eines Menschen. Warum ist es bei diesem Thema für viele so schwierig, tolerant zu sein?

Die Feindlichkeit und Intoleranz gegenüber Homosexuellen ist nach wie vor (zu) weit verbreitet. Die Diskriminierung reicht von unüberlegten Sprüchen unter Kindern, die sie aus der Erwachsenenwelt aufgeschnappt haben, über dumme Stammtischsprüche oder Schmähgesänge im Fussballstadion bis zu gesetzlichen Benachteiligungen und offener Gewalt. 

Nicht nur homosexuelle Sportler halten sich zurück, auch Lehrer beispielsweise hüten sich vor dem Comingout. Zutief sitzen die Vorurteile in der Gesellschaft: Homosexuell = schwach, homosexuell = pädophil. Für gewisse religiöse und konservative Kreise ist Homosexualität immer noch eine üble Krankheit, die bekämpft werden muss.

Hitzlsperger ist ein intelligenter Mensch. Er suchte mit seinem Comingout nicht nur die persönliche Erleichterung, der Zeitpunkt für seine Aussage war kein Zufall: «Die Olympischen Spiele von Sotschi stehen bevor, und ich denke, es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle», sagte der 31-jährige im Interview und meinte damit den diskriminierenden Umgang mit Homosexuellen in Russland, wo im Februar die Olympischen Winterspiele stattfinden (und 2018 die Fussball-WM).

Vielleicht zielte Hitzlsperger als Fussballer auch noch auf Katar, wo die WM 2022 stattfindet. Im kleinen reichen Erdöl-Emirat ist Homosexualität verboten und wird mit Gefängnis und Peitschenhieben bestraft. Unabhängig davon plant Katar mit den andern Golfstaaten einen medizinisch abstrusen Homosexuellentest für Ausländer, die sich um eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung bewerben. Die FIFA verurteilt die verbreitete Homophobie genauso wenig wie die übrigen Menschenrechtsverletzungen. Sepp Blatters Aussage, homosexuelle WM-Touristen sollen doch in Katar auf jegliche sexuelle Handlungen verzichten, zeigt vor allem eines: Es braucht noch viele Hitzlspergers.

Andreas Mösli

Der Text ist in der Februar-Nummer des Kulturmagazins Coucou erschienen.

Unterstützt Coucou, löst ein Abo! -> www.coucoumagazin.ch