Oktober 29, 2020

FC Carl Zeiss Jena | 14.04.2012

Durch ein Stimmungsboykott der Südkurve in Jena hing das Banner unter dem der Darmstädter im Pufferblock. Es war aber eine Aktion der Jena Fans, wie auch der ausfürhrliche Bericht im Bratwurstdealer zeigt:

Die Aktion Fußballfans gegen Homophobie ist eine Initiative der Abteilung Aktive Fans des Fußballvereins Tennis Borussia Berlin und schickt in Kooperation mit dem Projekt Soccer Sound des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg ein Banner auf die Reise zu Vereinen, in Fankurven und zu Fußballprojekten in ganz Deutschland. Zum letzten Heimspiel des FC Carl Zeiss Jena gegen den SV Darmstadt 98 hing das Banner im Ernst-Abbe-Sportfeld um auch in Jena der im Stadion und darüber hinaus noch immer verbreiteten Homophobie eine Absage zu erteilen. Dazu wurde ein Artikel von uns gekürzt im ‘Bratwurstdealer’, dem Kurvenblatt der Horda Azzuro, veröffentlicht. Die ungekürzte Fassung soll hier dokumentiert werden.

Als sich Oliver Bierhoff, seines Zeichens Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, am 25. März 2011 in einem Interview mit der Bildzeitung zu einer kurz zuvor ausgestrahlten Tatortfolge äußern sollte, konnte wahrscheinlich nichts Gutes dabei rauskommen. In der beliebten Serie werden bekanntlich häufig (zugegeben oft eher schlecht als recht) gesellschaftliche Probleme und aktuelle Diskussionen aufgegriffen. So ging es in besagter Folge um Homophobie im Fußballsport. Zu einer Szene, in der von Gerüchten über schwule Spieler in der Nationalmannschaft die Rede war, sah Bierhoff sich gezwungen, die Nationalelf vor dem Verdikt dort vorhandener Homosexualität zu schützen und redete somit der unter Fans, Spielern und Funktionären grassierenden Homophobie das Wort: „Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen. Dieser Satz im ,Tatort’ hatte ja keine inhaltliche Relevanz. Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalelf. Und das ärgert mich.“ Um es noch mal hervorzuheben: Oliver Bierhoff wertet es als einen Angriff, wenn im Zusammenhang mit dem DFB-Team von Homosexualität die Rede ist. Nun mag der Einwand kommen, dass hier beim einstigen Golden-Goal-Schützen von Wembley auch die Wörter auf die Goldwaage gelegt werden, doch kann bei offiziellen DFB-Vertretern, wie dem einstigen Torjäger getrost davon ausgegangen werden, dass Printinterviews vor Veröffentlichung autorisiert werden müssen und seine Worte durchaus mit Bedacht formuliert sind.

Stadion und Gesellschaft

Ob sich derartige Äußerungen durch die vielen Kopfbälle während seiner erfolgreichen Karriere erklären lassen, soll hier nicht weiter interessieren. Fest steht jedenfalls, dass Oliver Bierhoff mit dieser Meinung im Fußball nicht allein dasteht. Das belegen nicht zuletzt Äußerungen zahlreicher aktiver und ehemaliger Bundesligaspieler, wie beispielsweise jene süffisante Bemerkung von Frank Rost, er dusche immer „mit dem Arsch zur Wand“ oder „Loddar“ Matthäus, der ernsthaft meinte, ein Schwuler könne keinen Fußball spielen.
Neben vielfachen ähnlich schwachsinnigen Aussagen von Spielern, Trainern und Offiziellen, von denen sich problemlos weitere anführen ließen, gehört, das wissen auch die regelmäßigen Südkurvenbesucher, Homophobie vor allem auf den Rängen zum guten Ton. Am Boden liegende Spieler und unbeliebte Schiedsrichter werden als „Schwuler“, gerne auch wahlweise „Schwule Sau“, „Tunte“, „Schwuchtel“ usw. bezeichnet, eine beliebte Beatles-Melodie wird abgewandelt in „XYZ ist Homosexuell“. Auch die gegnerischen Fans bezichtigt man auf Bannern und in Gesängen gerne pejorativ (also im abwertenden Sinne) der Homosexualität. Die ohnehin latent vorhandene Homophobie wird in der Anonymität der Masse lautstark herausgebrüllt.
Dabei trifft die ebenso inhaltsleere, wie totzitierte Floskel, das Stadion sei ein „Spiegelbild der Gesellschaft“ nur bedingt zu. Zwar belegen Statistiken, dass homophobe Ressentiments auch in der gemeinen Bevölkerung noch verbreitet sind (unter ca. 30% der Deutschen, Tendenz allerdings sinkend). Jedoch ist diesbezüglich eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Während beispielsweise aktuell im Iran Homosexuelle öffentlich an Baukränen gehängt werden und Homosexualität in 75 von 195 Staaten der Welt strafrechtlich verfolgt wird, kam es in jüngerer Zeit vor allem in den westlichen Industrienationen zu einer erheblichen Liberalisierung. Dabei wurden gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen auch in der Nachkriegs-BRD noch bis in die späten 60er Jahre (in der DDR bis in die 50er) strafrechtlich geahndet. Inzwischen ist es selbstverständlich, dass sich Prominente aus Kulturindustrie und Politik zu ihrer Homosexualität bekennen, teilweise wird diese vermeintliche Abweichung sogar marketingstrategisch ausgeschlachtet, um gerade unter jüngeren Zielgruppen die Beliebtheit des Geouteten zu steigern. Es ist an dieser Stelle allerdings darauf zu beharren, dass in einer häufig als „offen“ beschworen bürgerlichen Gesellschaft die sexuelle Orientierung in erster Linie Privatsache ist und nicht als bloßer Marketinggag für „schräge“ Sonderlinge, die durch ihren „widernatürlichen“ Nonkonformismus irgendwie sympathisch daherkommen, gelten sollte. Auch soll diese Liberalisierung nicht darüber hinwegtauschen, dass es selbst in den vermeintlich emanzipierten Ländern noch alltäglich zu Beleidigungen bis hin zur Gewalt gegen Homosexuelle und als solche Identifizierte kommt.
Weithin bekannt ist die Tatsache, dass sich in Deutschland und Europa bisher noch kein aktiver männlicher Fußballprofi geoutet hat. Statistiken legen einen Anteil von 5-10% Homo-und Bisexuellen nahe, doch selbst wenn der Anteil, wie einige spekulieren, im Profifußball geringer sein sollte, so ist er gewiss nicht zu vernachlässigen. Das verweist auf ein Klima der Angst, das die zweifelsohne vorhandenen Schwulen unter den Profikickern zu einem absurden Versteckspiel zwingt, bis hin zum buchstäblichen Doppelleben, mit Ehefrau und Kind wider Willen, ein Problem, dass in anderen gesellschaftlichen Bereichen weniger ausgeprägt ist. So rät der ehemalige Vereinspräsident des FC St. Pauli, Corny Littmann, selbst Homosexueller: „Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten.“

Exkurs: Erste und zweite Natur

Wenn Homosexuellenfeinde übrigens auf den „natürlichen“ Reproduktionszweck der Sexualität verweisen, dann ist das eine allzu plumpe Rationalisierung der eigenen Dummheit. Bekanntlich hat sich der Mensch vom bloßen Dahinvegetieren im Naturzustand emanzipiert und sich kulturelle und soziale Strukturen geschaffen, die ihm als Zivilisation zur zweiten Natur geworden sind und zumindest im Ansatz (und vielerorts auch das nur äußerst begrenzt) ein Vorstellung von Glück vermitteln können. So dient die Sexualität den meisten Menschen nicht mehr vordergründig der Reproduktion, sondern in erster Linie dem Genuss und das ist, um es mit dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit zu sagen, auch gut so. Die Biologisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, wie sie von homophoben Strömungen vorangetrieben wird, führt hingegen zwangsläufig zu Stigmatisierung und Verfolgung der dann als „krank“ und „abweichend“ Gebrandmarkten. Apropos krank: die Weltgesundheitsorganisation strich erst 1990 Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten.

Fußball und Männerbund

Noch immer wird Fußball als klassischer Männersport betrachtet. Attribute, wie Kampfgeist, körperliche Stärke, Durchsetzungsvermögen und berechnende Taktik werden als klassisch männlich identifiziert. Wer sich der harten Macho-Attitüde verwehrt und Schwäche zeigt, erweckt schnell Misstrauen bei Spielern und Fans. Diese Zuweisungen unterliegen jedoch starker Willkür und sind gesellschaftlich konstruiert, wie sich leicht zeigen lässt. So ist es in den Vereinigten Staaten interessanterweise genau umgekehrt: Dort gilt „Soccer“ als Frauensport, während die „harten Männer“ American Football spielen. Auffällig ist das ambivalente Verhältnis zur allgemein glorifizierten Männlichkeit und Heterosexualität: So zeigt die innige Beziehung der Mitspieler unter einander durchaus homoerotische Züge und lässt sich psychologisch als Kompensation verdrängter gesellschaftlich sanktionierter Wünsche deuten. Wenn sich die Spieler beim Torjubel in den Armen liegen, sich herzen, tätscheln und des Trikots entledigen, so wird im Allgemeinen die sexuelle Dimension in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ausbootet. Umso befremdlicher erscheint da ein offen sich outender schwuler Spieler, der die Illusion vom desexualisierten Männerbund zerstören könnte, auch im Breitensport. Analoge Betrachtungen gelten ebenfalls für die Fans und Zuschauer, trotz des glücklicherweise drastisch gestiegenen Frauenanteils. So ist es keine Seltenheit, dass sich in der Kurve „gestandene Männer“ umarmen, die in ihrer Freizeit derlei Anstalten entschieden zurückwiesen, denn sie seien ja selbstverständlich „nicht schwul“. Der Hass auf Homosexuelle enthält aus dieser Perspektive immer auch eine Spur Selbsthass.
Nicht zuletzt von Fangruppen, die sich der Ultrákultur verschrieben haben, wird häufig gleichermaßen ein Ideal der Männlichkeit vorgelebt, das sich dann neben militärischem Auftreten und strengen Organisationsstrukturen beispielsweise in körperlichen Auseinandersetzungen manifestiert, die angeblich „dazu gehören“, auch hier ist also der Begriff des Männerbundes trotz positiver Entwicklungen noch immer nicht fehl am Platz. Im Frauenfußball, dessen Rezeption sich hauptsächlich auf große Turniere der Nationalmannschaft beschränkt, sind die Verhältnisse dann geradezu umgekehrt: die Spielerinnen gelten fast ausnahmslos als „Mannsweiber“ und „Kampflesben“, wobei auch hier die Empirie gegenüber dem Vorurteil eine untergeordnete Rolle spielt und vermeintliche und tatsächliche Homosexualität in aller Regel mit einem verächtlichen Ton bedacht werden.

Land in Sicht?

Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass sich in den letzten Jahren auch im Fußball Einiges getan hat. Der verbreiteten Homophobie im Fußball wurde eine beachtliche mediale Aufmerksamkeit zuteil und die meisten Faninitiativen gegen Diskriminierung nahmen sie in ihr Programm auf. Selbst Theo Zwanziger zeigte sich deutlich weitsichtiger als Oliver Bierhoff und bot sogar im Namen des DFB homosexuellen Spielern Unterstützung bei einem möglichen Outing an. Bei vielen größeren Vereinen gründeten sich überdies schwul-lesbische Fanclubs, wie die Hertha-Junxx und Queerpass Bayern. Auch Spieler äußerten sich reflektierter. So meinte Philipp Lahm „Wenn ein Spieler schwul ist, ist er trotzdem mein Mannschaftskollege, und für mich würde sich im Umgang mit ihm nichts ändern. Ich registriere das nicht, für mich geht es darum, welche Ansichten jemand hat und ob er sich vernünftig verhält. Ich lebe gerne in einer liberalen, offenen Gesellschaft, in der ein tolerantes Miteinander ohne diskriminierende Vorurteile möglich ist.“ Es wäre wünschenswert, wenn möglichst viele weitere Fans und Spieler diese Selbstverständlichkeit aussprächen und dem Hass auf Homosexuelle eine klare Absage erteilten, insbesondere wenn dieser offen artikuliert wird.


Quelle: http://hintertorwart.lima-city.de/?p=846